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Liebeskummer lohnt sich nicht! - Oder vielleicht doch?

11. August 2011 um 17:18

„Liebeskummer lohnt sich nicht my darling, schade um die Tränen in der Nacht. Liebeskummer lohnt sich nicht my darling, weil schon morgen dein Herz darüber lacht!“ So singt Connie Francis Liebeskranken den Herzschmerz erträglicher. Und sie hat gar nicht mal so unrecht mit dem was sie singt. Die alte Volksweisheit „Zeit heilt alle Wunden“ ist der wohl meist benutzte Rat, der Verlassenen mit auf den Weg in Richtung Heilung gegeben wird. Doch bis wir dieses Ziel erreicht haben, gilt es eine harte Phase des Liebeskummers zu durchlaufen. Vor dem Scherbenhaufen einer Beziehung zu stehen löst in uns Menschen bis dahin nie erlebte Gefühle von Ohnmacht, Hilflosigkeit, Angst und Hass aus. Einige, bei denen diese Gefühle besonders ausgeprägt sind, machen sogar vor dem Griff zur Waffe keinen Halt, bedrohen den Ex-Partner bzw. den, der in die Beziehung eingedrungen ist, körperlich. Laut Statistik wird in Deutschland jede dritte Ehe geschieden. Und jedes mal stehen die Beteiligten einer unüberwindbar scheinenden Krisensituation gegenüber, die oftmals sogar von Suizidgedanken, betäubender Eifersucht und körperlichen Beschwerden geprägt ist.

Was passiert in uns, wenn uns das Gefühl von Liebeskummer heimsucht? Woher kommt dieser fast unerträgliche Schmerz?

Ausgangslage ist eine neuronale Wirkung von Botenstoffen in unserem Hirn. Der Körper stellt sich automatisch auf das Wiederfinden des Geliebten bzw. des Gefühls geliebt zu werden ein. Die Auswirkungen der Botenstoffe bestimmen außerdem unsere Gedankenwelt und andersherum. Je nach Beschaffenheit der Gedankenkraft eines Menschen wirkt die Ausschüttung der Botenstoffe unterschiedlich stark auf unseren Körper und unseren Geist. Einigen fällt es relativ leicht, ihre Gedanken zu ordnen und einen mehr oder weniger rationalen Blick auf die Situation zu bewahren, andere wiederum geraten mit ihrer Gedankenwelt total außer Kontrolle und begeben sich so in ein emotionales Chaos, aus dem sie nur schwer wieder herauskommen. Liebe erweckt in uns eine Vielzahl an Hochgefühlen. Ein verliebter Körper schüttet ein Übermaß an Endorphinen aus und auch andere Botenstoffe wie Dopamin und Adrenalin sorgen für überwältigende Glücksgefühle. Diesem Zustand ergeben wir uns widerstandslos und werden süchtig danach. Wird uns das Gefühl von glücklicher Liebe genommen, reagiert unser Körper mit Entzugserscheinungen. Forscher der Universität Tübingen stellten bei Frauen nach einer Trennung eine Stagnation gewisser Hirnareale fest. Es herrscht Funkstille in den Regionen die für Emotionen, Antrieb, Motivation sowie die Steuerung von Schlaf- und Essverhalten zuständig sind. Kein Wunder also, dass Liebeskranke oftmals zu nichts in der Lage sind. Doch nicht nur Frauen, auch Männer leiden Massiv unter dem Ende einer Partnerschaft. Nur gehen diese anders mit ihrer Trauer um. Frauen beschäftigen sich offener mit ihren Sorgen. Sie verbalisieren ihren Kummer, holen sich Ratschläge von Freunden und Familie und nehmen aktiv an ihrem Zustand teil. Männer hingegen schweigen über ihre Hilflosigkeit und stürzen sich stattdessen in Aktivitäten. Sie halten Liebeskummer für eine Schwäche und versuchen deshalb, dieses Gefühl zu verdrängen.

Doch ganz gleich ob Mann oder Frau, die ersten Tage, Woche und Monate nach einer Trennung katapultieren uns in einen Ausnahmezustand in dem wir Menschen uns in seinem Endstadium der Neuorientierung und Regeneration unserer Selbst hingeben. Natürlich gibt es keinen festen Zeitpunkt, wann der Trennungsschmerz überwunden ist. Wie wir auf Liebeskummer reagieren und wie wir mit der Vielzahl an negativen Gefühlen umgehen, ist reine Typsache. Außerdem ist der Verlauf der Partnerschaft ein wichtiger Faktor für den Umgang mit einer Trennung. Je fester wir an unseren Partner gebunden waren, je mehr wir uns von ihm abhängig machten, desto komplizierter ist es, einen Neuanfang zu wagen und den Weg in einen neuen Lebensabschnitt zu riskieren. Bis zur Überwindung des Liebeskummers durchlaufen wir mehrere Phasen.

Die erste Phase ist die Phase der Verdrängung und Verleugnung. Die Hoffnung auf eine zweite Chance sowie der Versuch, alles zu ändern nehmen bei vielen nahezu manischen Charakter an. Doch ob der Versuch den Partner umzustimmen gelingt, hängt einzig von demjenigen ab, der den anderen verlassen hat. Im Falle dessen, dass dieser sich für ein endgültiges Ende der Partnerschaft entscheiden sollte, geht der Verlassene in Phase 2 der Liebeskummer-Überwindung über.

Geprägt von aufbrechenden Gefühlen ist die zweite Phase wohl die intensivste Phase der Trauer. In ihr schwindet sämtliche Hoffnung, die einen Verlassenen noch in der ersten Phase über Wasser hielt. Diese Hoffnungslosigkeit mündet bei vielen in Verzweiflungen bis hin zu Depressionen. Das trostlose Bild der eigenen Zukunft und die Vorstellung, das eigene Leben ohne den Partner verbringen zu müssen, ziehen uns den Boden unter den Füßen weg. In dieser Leidensphase kreisen unsere Gedanken einzig um den Partner und um all das, was nun „nie mehr sein wird“. Wir werden übermannt von Selbstzweifeln und der Frage nach dem Grund aus welchem man uns verließ. Eine Antwort auf diese Frage finden die wenigsten in dieser Phase. Stattdessen machen wir uns Vorwürfe, versuchen zu eruieren, welche Fehler wir begangen haben und was wir hätten besser machen können. Wir fühlen uns kraftlos und antriebslos. Uns überkommt ein Gefühl der Lebensunfähigkeit. Körperliche Beschwerden wie Schlafstörungen, Ruhelosigkeit, Kopf- und Magenschmerzen, Herzrasen, Appetitlosigkeit und Konzentrationsstörungen wirken unserem seelischen Missstand nicht gerade entgegen. Und das aller Schlimmste ist: Es ist kein Ende in Sicht. Wir können uns nicht vorstellen, jemals über unseren Partner und die gemeinsame Zeit hinwegzukommen. Auch die Vorstellung einer neuen Liebe scheint uns illusorisch. Das Ende der zweiten Phase ist geprägt von Wut, Enttäuschung, Rachegedanken und -gelüsten. Wir fühlen uns von unserem Ex-Partner ungerecht behandelt und möchten ihn und sämtliche Erinnerungen an die gemeinsame Zeit am liebsten eliminieren. Es kristallisieren sich zwei Arten heraus, wie Leidende mit diesem desolaten Zustand umgehen. Entweder wählen sie den Weg der Isolation, verlassen die Wohnung nur in den dringendsten Fällen und vermeiden jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Das andere Extrem ist die Flucht in die intensive Teilnahme an Aktivitäten. Das Erlebte und sämtliche daraus resultierende negative Emotionen werden verdrängt und unterdrückt. Manche greifen sogar zu Suchtmitteln wie Beruhigungstabletten oder Alkohol, die den Kummer betäuben, ihn aber wieder hervorrufen, sobald die Wirkung nachlässt. Im schlimmsten Fall können sich die Betroffenen vor der Abhängigkeit von diesen Suchtmitteln nicht mehr retten und stürzen sich somit in einen immer tieferen emotionalen sowie körperlichen Abgrund.

Die dritte Phase des Liebeskummers dient der Neuorientierung und Regeneration. Endlich erscheint ein Licht am Ende des Tunnels. Zwar ist das Gefühl des Liebeskummers noch nicht erloschen, so wird es jedoch durch das Sammeln neuer Hoffnung getrübt. Eine Zukunft ohne den Partner übersteigt nicht mehr unsere Vorstellungskraft. Gefühle von Verzweiflung und Wut klingen langsam ab und kommen nur noch sporadisch hervor. Der Verlassene wird immer mehr einem rationalen Blick auf seine Situation anheim. Die Teilnahme am alltäglichen Leben gelingt immer leichter, neuer Mut und neue Hoffnung machen sich langsam breit.

In der vierten und zugleich letzten Phase bildet sich ein neues Gleichgewicht. Der einst Liebeskranke findet erneut zu seinem Inneren Frieden. Negative Gefühle wie Wut und Trauer sind fast vollständig überwunden und tauchen wenn überhaupt nur noch in ganz bestimmten Situationen und in sehr abgeschwächter Form auf. Diese Phase ist das Ende unserer heftigen „Gefühlsstürme“ zu Beginn der Trauer. Es werden neue Ideen und Pläne für die Zukunft geschmiedet, wir entdecken in uns frisch aufgeblühte Kräfte, die uns zu einem starken und besonnenen Menschen machen. Im Umkehrschluss hat der Prozess des Leidens also eine durchaus positive Quintessenz. Wir bedienen uns der Macht unserer Selbstreflexion, lernen unsere Stärken und Schwächen einzuschätzen und werden uns dem Sinn unseres Lebens noch mal ganz neu und vor allem selbstständig bewusst. Ohne dabei Rücksicht auf einen anderen Menschen nehmen zu müssen.

Durch die in unseren Köpfen manifestierte romantische Vorstellung von der Liebe, durchläuft jeder Verlassene rgendwann den Prozess der Enttäuschung und Trauer. Wie heftig wir auf eine Trennung reagieren und wie lange wir in den einzelnen Phasen verharren, ist jedoch von Mensch zu Mensch unterschiedlich und hängt insbesondere von der Abhängigkeit vom Partner ab. Zu hohe Erwartungen an den Partner können zur Folge haben, dass dieser sich von der Partnerschaft distanziert. Einen anderen Menschen für unser Glück und somit unser Wohlbefinden verantwortlich zu machen belastet diesen mit einem immensen Druck, dem sich viele zu entziehen ersuchen. Nur wer dem Anderen seine Freiheit lässt, kann selbst frei sein.

Die Auseinandersetzung mit der Trauer ist für den Heilungsprozess besonders wichtig. Man sollte nie die Macht der Verdrängung unterschätzen. Was wir nicht aktiv verarbeiten, sucht uns früher oder später unerwartet heim und reißt uns aus unserer derzeitigen Existenz hinaus. Eine neue Liebe bzw. ein überstürztes Neuverlieben ist ebenfalls selten von Erfolg gekrönt. Bevor man sich auf etwas neues einlassen kann, sollte man erst innerlich mit der alten Beziehung abgeschlossen haben. Außerdem sollten Liebeskranke daran arbeiten, ihren Dopaminspiegel wieder in den Griff zu bekommen. Hierfür sind Aktivitäten, die wir sonst nicht unternommen hätten und daher ganz neue Erlebnisse in unserem Leben bedeuten, besonders förderlich. Sich selbst etwas Gutes zu tun und Dinge zu wagen, für welche man vielleicht bisher aus Gründen der Stagnation blockiert war ebnet einen neuen Weg in ein ganz neues Leben.

Betrachte einmal die Dinge von einer anderen Seite, als du sie bisher gesehen hast, denn das heißt, ein neues Leben beginnen. (Marc Aurel)

 

Dina Cassandra Wimmer

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